schwarzleser.de

Ein Blog von Stefan Schwarz

Flower

Shirt euch zum Teufel!

 

Wort der Woche

Auch hat sie einen schönen guldenen Rock angehabt, scheuzlich ausgesehen, und eine Krone mit viel Farben aufgehabt und als ihr bedünkt, nicht auf dem Erdreich, sondern emporschweben…

         Geständnisse der Hexe Katharina Moserin, Südtirol 1506 

Wir können das unlängst zu Ende gegangene Wave-Gotik -Festival in Leipzig nicht davonziehen lassen, ohne der unangemeldeten Demonstration der Verzweiflung, dem stummen Trauermarsch, der Parade trüber Mienen Erwähnung zu tun, der sich am Morgen danach in Richtung Haupbahnhof schleppt. Menschen, die ein Wochenende ausgelassen schwarz sein durften, haben ihre Ringe, Ketten und Gewänder wieder in ihre Koffer gepackt und reisen zurück an ihre öden Großraumbildschirmarbeitsplätze und Schalterverschläge, kurz in die Zone, die wir Wirklichkeit nennen. Wenige Feste nur erzeugen bei den Teilnehmer einen solchen Horror vor der Rückkehr ins normale Leben. Hier ist eine Erklärung aus der Sicht kritischer Bekleidungsphilosophie. weiterlesen …;

Per Nachnamen

Wort der Woche

Wir haben in den Ruinen gespielt, ab und zu ging eine Bombe hoch. Dann waren wir einer weniger.

Florian Holsboer, Psychiater 

Herr Posselt war verzweifelt. Der Inhaber einer mittelständischen Firma für Ichweißnichtmehrwas, Spezialgummimuffen oder so, bekam in China einfach kein Bein auf den Boden. Die Prospekte, die parfümierten Visitenkarten, die opulenten Geschäftsessen führte geradeweg ins Nichts der Unverbindlichkeit. Die Chinesen, die sich sichtbar für seine Muffen interessierten, verbogen sich geradezu vor Qual, leider unter den derzeitigen Umständen keinerlei Hinweise auf die Möglichkeit der Erwägung einer Zusage sehen zu können. (Die Gewinnerin der Internationalen Deutsch-Olympiade 2008 hat mir mal geflüstert, dass sie am Deutschen vor allem fasziniere, dass es so super „unhöflich“ (sprich unverschnörkelt) sei. Vielleicht ein guter Tipp für die Sprachwerbung des Goethe-Instituts: „Kommen Sie zur Sache. Lernen Sie Deutsch!“). Beim Interkulturellen Trainingseminar für Manager, veranstaltet von der Carl-Duisberg-Gesellschaft, kam es dann endlich zur Erleuchtung. Treuherzig hatte Herr Posselt seinen Namen silbengetreu ins Chinesische übersetzen lassen, ohne vom Dolmetsch darauf hingewiesen zu werden, dass kein gesunder Chinese mit „Herrn Tote-Hose“  eine fruchtbare Geschäftsbeziehung eingehen würde. (Ähnlich erging es dem Schwermaschinenbaukombinat „Ernst Thälmann“, kurz SKET, zu DDR-Zeiten, das in Skandinavien erstmal keine Abnehmer für ihre „beschissenen“ (sket ist das schwedische Supinum zu skita = scheissen) Maschinen fanden.)

Das führt uns zu einer wichtigen Frage: Wird auch hierzulande die Wertschätzung einer Person durch seinen Nachnamen verändert? weiterlesen …;

Das Fluchwesen

Wort der Woche

Wir glauben, dass Du Dich nicht mehr weiterentwickeln kannst.

Heidi Klum, Supermodel

In irgendeinem seiner vielen Bücher erzählt Slavoj Zizek, wie er während seiner Militärzeit im sozialistischen Südslawien in seiner Baracke mit einem Albaner aneinandergerät. Der Streit eskaliert und gipfelt – vorhersehbar – in der Absichtsbekundung Zizeks, mit der Mutter des Albaners in eine sonst nur dem Vater vorbehaltene Interaktion zu treten. Während Zizek nun jugendfroh erwartet, dass der Albaner vor Wut ohnmächtig wird oder dem Wahnsinn verfällt und seinen Spind aufräumt, erkärt dieser ungerührt, dass man in Albanien traditionell nicht die Mutter sondern die Schwestern beleidigen muss, um Pulssprünge zu erzielen. Fortan werfen sich beide bei Flurbegegnungen die verfluchten Codeworte „Schwester!“ – „Mutter!“ an den Kopf, kleine interkulturelle Brückenschläge, alltägliche Übungen zum Verstehen fremder Kulturen in ihrem innersten Kern – der Beleidigung. An diese Anekdote anknüpfend, erörterte ich unlängst mit einer iranischstämmigen Mitbürgerin ein weiteres Problem der Schimpfwortkultur. weiterlesen …;

Vergleichbare Identitätsprobleme bei Marianne Rosenberg und Armeegeneral a.D. Heinz Keßler

Wort der Woche

Bevor man sein Selbst verwirklicht, sollte man prüfen, ob sich der Aufwand lohnt

Johannes Gross, Publizist

Die Ähnlichkeit der Identitätsprobleme der Schlagersängerin Marianne Rosenberg mit denen des NVA-Armeegenerals a.D. Heinz Keßler müssen jedem ins Auge springen, der sich damit beschäftigt.  Leider beschäftigt sich niemand damit. Ausser mir. Laut Amazon kauften Menschen, die die Autobiografie „Kokolores“ von Marianne Rosenberg kauften, auch die CD „Für immer wie heute“ von Marianne Rosenberg oder die CD „Himmlisch“ von Marianne Rosenberg, aber nicht die Autobiografie „Zur Sache, zur Person“ (klingt ja erstmal ganz spannend, auch das Titelbild ist nix für schwache Nerven) des NVA-Armeegenerals a.D. Heinz Keßler und sie wurden auch nicht unter der Rubrik „Das könnte sie interessieren“ dazu aufgefordert.

Auf den ersten Blick haben Marianne Rosenberg und Armeegeneral a.D. Heinz Keßler nur zwei Dinge gemeinsam. Marianne Rosenberg schaut – zumindest ab dem späten Vormittag (auch dank exzellenter Maskenbilderinnen) –  immer noch tipptopp aus. Auch Heinz Keßler könnte sich für sein Alter noch sehen lassen, macht es aber nur noch sehr selten. Beide sind Raucher. Das wars dann aber auch schon. Für meinen Approach ist hier aber nur wichtig, dass sie in ihren Biografien ähnliche Identitätsprobleme erkennen lassen.

Die Identitätsprobleme Marianne Rosenbergs sind bekannt, beinahe schon Welterbe. Ich gehe aber trotzdem noch mal so mittelkurz auf sie ein, weil sonst nicht klar wird, was Armeegeneral a. D. Heinz Keßler falsch gemacht hat. weiterlesen …;

The Doors of Hesitation

Wort der Woche

Ist Geld aber gar nicht vorhanden, muss entweder der Konsum eingeschränkt oder das Leben entsprechend verkürzt werden.

             Volker Looman, Finanzcoach

 

Zur Kritik der Automatiktür

Der Kapitalismus verhüllt seinen Antlitz gern hinter einer Maske technischer Servilität, deren eindrucksvollstes Symbol die Automatiktür ist. Alltäglich schreitet Seine Durchleucht, der Kundenkarteninhaber, wohlgemut auf das selbsttätig öffnende Kaufhausportal zu. Nur eine Halbsekunde des Zögerns, in dem der Konsument sich bang fragt, ob er sein naives Vertrauen in den Bewegungssensor mit einem Aufprall auf die Glasfront bezahlen wird, dann springt der Mechanismus endlich klackend und summend an und die Seiten der Schiebetür ziehen fauchend auseinander.

Rein prozess-technisch imitiert die Automatiktür also keinen routiniert zuvorkommenden Hotelportier im besten Alter sondern einen drogenbedingt zerstreuten Zivi, der seiner Pflicht eher zu spät und zu hastig nachkommt, wenn die Gefahr schon stark im Verzug ist.

Was dieser Atavismus in einer Welt bedeuten soll, in der Marschflugkörper mit zehnfacher Schallgeschwindigkeit zielerfassungsmässig quasi aus der Hüfte abgeschossen werden können, werde ich im Folgenden versuchen zu erklären.

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Schwarzbücher

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