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Ein Blog von Stefan Schwarz

Flower

Der Einmannmotorventilationsentsorgungsfachwirt

Wort der Woche

I was too fucking busy- or vice versa.

Dorothy Parker

Jetzt sieht man sie wieder überall auf den Strassen. Männer, die von ihren Kollegen aufgezogen werden. Und das auch noch von hinten. Keine deutsche Stadt, in der in dieser Zeit nicht ein Ruck durch die Ein-Euro-Jobber geht. Und zwar der Ruck am Anlasser eines motorbetriebenen Laubblasinstruments. Männer, die nicht nur wegen de am Rücken festgeschnallten Gebläses sondern auch wegen ihrer Leibesfülle aussehen wie Astrid Lindgrens Karlsson auf dem Dach. Laubbläser, deren windiges Vorhaben ist, die herbstlichen Blätter auf den Wegen zu Haufen zuzusammenzupusten. Wer einmal kommunale Laubbläser dabei beobachtet hat, wie sie minutenlang ein besonders widerspenstiges Blatt mit dem immer wieder wütend hochtourenden Gebläse in Richtung Haufen zu wirbeln versuchen, dem mögen vielleicht die Worte Johannes des Täufers „Tut Buße, das Ende ist nah!“ einfallen. Und tatsächlich darf man sich die ökologische Bilanz dieses Unterfangens nur nach der großzügig dosierten Einnahme stimmungsaufhellender Medikamente antun. Eine Tonne organisches Material wird in paar Millionen Jahren zu einem Liter Erdöl umgesetzt. Aus einem Liter Erdöl aber kann mit allen Raffinerieraffinessen höchstens ein Viertelliter Benzin gewonnen werden. Mit einem Viertelliterchen Benzin aber kann ein mäßig geschickter Laubbläser gerade einen losen Haufen Blätter von ein paar Gramm zusammenblasen. Das ist eine Kalkulation, der gegenüber atomreaktorgetriebene Zahnbürsten irgendwie schon wieder Sinn machen. Da aber deutsche Bürgermeister ihren Etat bloß übers Kalenderjahr und nicht vom Kambrium bis zum Holozän aufstellen müssen, fallen derlei rohstoffstrategische Petitessens unter den Tisch. Was ist es aber dann, dass die Kommunen bedenkenlos zum Einsatz verfeuerbarer, aber nicht erneuerbarer Energien greifen läßt, wenn es um ein paar herumflatternde bunte Blätter geht? Laub, das muss hier auch einmal in aller Deutlichkeit gesagt werden, Laub ist der Altweibermörder Nummer Eins in Deutschland. Die ostheoporösen Hüftgelenke und Oberschenkelhälse aus Mürbekeksknochen greiser Damen warten nur darauf, beim Ausgleiten auf herbstfeuchtem Laub in unoperierbare Kleinteile zu zerbröseln. Hier muss alle Benzinpreissensibilität einmal schweigen. Nur im erbarmungslosen Kampf um blattfreie und bis zu optimaler Damenschuhhaftung gereinigte Strassen und Wege findet die kommunale Strassenreinigung ihre ureigenste Aufgabe. So weit, so gut. Aber kann man Laub nicht auch harken? Selbst die volkreichen Chinesen, die bedenkenlos auch mal ein paar Divisionen der Roten Armee zum Kaugummiabkratzen auf Shanghais Strassen niederknien lassen, haben noch nie Pustekommandos zusammengestellt, um sich des Laubproblems zu bemeistern. Warum also müssen deutsche Stadtreiniger mit derart schwerem Gerät gegen hauchdünne Blättchen vorgehen? Die Gründe sind berufspsychologischer Natur. Jeder weiß, dass Eltern liebreizender Töchter vor die Wahl gestellt, ob als künftiger  Schwiegersohn ein Chefarzt oder ein Strassenkehrer in Frage kommt, sich in den meisten Fällen keine Bedenkzeit ausbitten. Hier hat nun endlich die deutsche Industrie in Zusammenarbeit mit den Arbeitsagenturen und Fachleuten aus der Erwachsenenbildung das Berufsbild des Einmannmotorventilationsentsorgungsfachwirts geschaffen. Also jemand, der nicht irgendwie Kehrricht zusammenschiebt, sondern der mit seinem Spezialwissen um die luftstromgestützte Ausleitung jahreszeitlich bedingten Laubbaumabwurfs den öffentlichen Raum nichts weniger als für die Öffentlichkeit offen hält. Nicht mehr lange und es wird sich um die derart heroisch aufgeladene Figur des Laubbläsers ein eigenes, quasi-militärisches Brauchtum bilden. So könnte man Laubbläser zum Beispiel jeden Herbst auf dem Marktplatz auf den Bürgermeister oder wenigstens auf irgendeinen Fachgruppenleiter im Ordnungsamt vereidigen. Verstorbene Laubbläser a. D. könnten von Veteranen des städtischen Laubbläserkorps in einer Art Salutgebläse ins Erdloch geblasen werden – freilich in ausreichend getrocknetem Zustand. Aber das versteht sich für einen Laubbläser eigentlich von selbst.

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