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Ein Blog von Stefan Schwarz

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Aus der Bahn geworfen

Wort der Woche

Noch nie ist jemand pleite gegangen, der die Intelligenz des Volkes unterschätzt hat.

P.T.Barnum, Zirkusdirektor

Eigentlich bin ich gegen Missstände relativ unempfindlich. Ostdeutscher Langmut umweht meine Seele, wenn ich auf den Anzeigetafeln der Deutschen Bahn die roten Ziffern der Verspätungsminuten erspähe. Sozialisiert im systematischen Chaos und den chronischen Versorgungsengpässen einer Planwirtschaft beruhige ich mich immer mit dem Gedanken, dass das ja mal vorkommen kann. Der Gedanke ist völlig aberwitzig, weil Verspätungen und komplette Zugausfälle bei der Deutschen Bahn mittlerweile ein Ausmaß angenommen haben, das den DB-Fahrplan wie die Phantasie eines psychotischen Pedanten aussehen lässt. Abfahrts- und Ankunftsaushänge sind mittlerweile derart unverbindlich, dass sie den Tatbestand der bewussten Irreführung erfüllen. Angelockt von diesen verführerisch korrekten Zeitangaben treffen die Reisenden am Bahnsteig nämlich nicht etwa auf einen Zug, sondern auf zwei pummelige Azubi-Mädchen, die dem Hass und die Verzweiflung der Passagiere mit schlechtem Gratis-Kaffee und trockenen Croissants entgegentreten sollen. Eine fiese Taktik, den natürlich können die jungen Dinger nichts dafür.

Als ich jedoch gestern eine geschlagene Stunde auf den ICE nach Berlin warten und bei der Rückreise schließlich auch noch den Komplettausfall meines anvisierten Zuges zur Kenntnis nehmen musste, telefonierte ich zum Trost mit meiner Frau und hörte von ihr, dass ein Mädchen im Brandenburgischen wegen 2 Euro Fehlbetrag auf dem Ticket in der klirrenden Kälte (minus 19 Grad) an einem toten Bahnhof ausgesetzt wurde. Ich fand das dann doch etwas ahuman und beschloss, entgegen meiner zonenhaften Schafsgeduld, das Bahnpersonal auf die Verspätung zumindest anzusprechen und vielleicht stellvertretend für das arme Gör zwei Euro Abschlag auszuhandeln. Gar nicht so einfach. Anders als ihre offenkundige Unfähigkeit in Transportfragen vermuten ließe, ist die Deutsche Bahn bei der Abwehr von Geldrückforderungen ungewöhnlich auf Zack. Vom Reisezentrum zum Servicepoint geschickt, damit ich in den jeweiligen Warteschlangen noch einmal meine kostbare Zeit gegen die ollen 2 Euro Rückerstattung verrechnen möge, beschied mir eine eisenharte Jungfer hinterm Service-Tresen, dass mein Zug gar nicht 60 Minuten sondern nur rückerstattungsfreie 42 Minuten Verspätung gehabt hätte (was eine tolldreiste Lüge war, allerdings nicht ganz so perfide wie 59 Minuten) und dass der andere, ganz ausgefallene Zug gar nicht ausgefallen, sondern nur einmal ausnahmsweise von Berlin-Südkreuz statt vom Hauptbahnhof gefahren sei und dass ich deswegen umsonst die halbe Stunde auf sie zugewartet sei. Ich bin relativ amokfest und deswegen erkundigte ich mich noch mal höflich, ob ich demnächst mit einem vereidigten Notar reisen solle, der die Verspätungen mit einer Atomuhr misst, und ob die Angestellten dieses Eisenbahnunternehmens nicht grundsätzlich vor Scham im Boden versinken angesichts ihrer unter dem Niveau von Kamerun anzusiedelnden Desorganisiertheit und einer zaristischen Service-Kultur, in der Kunden wie unwürdiges Pack abgekanzelt werden. Die junge Dame sagte aber nur: Der Nächste bitte!

Ich weiß ja, dass wir uns dieser Merkel-Ära befinden, in der mit tranigen Appellen zum Ruhebewahren jede politische Fehlentscheidung von Afghanistan bis Opelrettung in graue Sachlichkeit eingeschlagen wird, aber ich möchte an dieser Stelle einmal ganz sachlich feststellen: Das Deutsche Bahn-Chaos ist nicht von der Sonnenfleckenaktivität oder von nordkoreanischen Agenten verursacht worden, sondern von strafmündigen Managern eines unabwählbaren Quasi-Monopolisten und ihren Unternehmensentscheidungen. Ich denke, dass man gegen ein Unternehmen, dass nicht nur Schülerinnen wegen 2 Euro auf der Strecke zurücklässt, sondern hunderttausendfach eklatante zeitliche und wirtschaftliche Löcher in die Kalküle der Bahnreisenden reisst, auch mal strafrechtlich vorgehen sollte. Wenn sich diese Gesellschaft ernst nehmen will, dann kann das nicht nur heissen, dass man Millionen, sondern auch Strafe verdient, wenn man das öffentliche Transportwesen in einer Weise gefährdet wie es die Verantwortlichen der Deutschen Bahn seit Jahren tun.

Zum Schluß noch eine passende Buchempfehlung, um die ein (möglicherweise bewusst geführter) Rezensionskrieg entbrannt ist.

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