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Ein Blog von Stefan Schwarz

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Plakativitätstheorie und Unschärferelationen

Wort der Woche

Wir machen richtig die herbe Anschlag.

Aus dem Abhörprotokoll der Sauerland-Gruppe

Dass gähnende Inhaltsleere dieses Bundestagswahlkampfs auch auf die Wahlwerbung übergreifen würde, stand zu befürchten. Niemand konnte jedoch ahnen, was wirklich herauskommen würden, wenn Inhaltsleere auf formales Unvermögen trifft. Unvermögen, Dilettantentum, ist seit jeher das untrügliche Zeichen jeder Wahlwerbung. Auch Ungeübte und branchenfremde Personen können Wahlwerbung und kommerzielle Werbung mit einem einfachen Test auseinanderhalten. Wenn die Werbung wirkt, ist es mit Sicherheit keine Wahlwerbung. Eigentlich unterscheiden sich die politischen Parteien auf ihren Wahlplakaten nur durch verschiedene Formen der Unwirksamkeit, die von „belästigend unwirksam“ bis „was, ich stehe vor einem Plakat?“ reichen. Das liegt daran, dass, anders als in der freien Wirtschaft, in der Politik die bloße Absicht, zu überzeugen, als ausreichende Qualifikation angesehen wird.

Wahlwerberisches Dilettantum ist in gewisser Weise funktionell, weil es mit der späteren Amtsführung in klarem Zusammenhang steht. Anders gesagt: Wahlwerbung versieht das Kompetenzversprechen der Politiker gestalterisch und werbepsychologisch mit Anführungszeichen und niemand kann sich nach der Wahl beschweren, weil er seit den Plakaten wusste, was für Flitzpiepen da im Rennen sind. Aber wenn, wie heuer, überhaupt keine Botschaften mehr zu verkünden sind, tobt sich bei den Wahlfotoamateuren der politischen Parteien natürlich das Unbewusste aus, wie ich im Folgenden anhand einiger Plakate analysiere.

Der Erdball liegt jetzt bei Steinmeier

Der Erdball liegt jetzt bei Steinmeier

Dass sich die SPD mit dem heissesten Gesprächsstoff aller Hartz-IV-Bierluken und Opelianer-Kneipen, dem Atomenergieausstieg, in die Herzen der Wähler schmeicheln will, bleibt ihr überlassen. (Richtet sich vielleicht gegen die CDU mit ihrem Slogan „Wir haben die Kraft!“, wozu ja irgendwo auch die Atomkraft zählt) Warum Steinmeier dazu aber einem Mädchen die Weltkugel zeigen muss, bleibt rätselhaft. Zeigt er auf Andorra, wo der Atomausstieg schon geglückt ist? Oder sind wir am Ende einer Szene,  in welcher der Schlohweiße Diktator mit dem Weltballon Popo-Pirouetten gedreht hat?

Festhalte nach Sifu Steinmeier

Festhalte nach Sifu Steinmeier

Auch auf dem zweiten Wahlplakat wird es nicht besser. Steinmeier hält einen Stahlkocher am Arm fest und blickt ihn unverwandt an, während dieser in die Glut zeigt. Normalerweise blicken Menschen in die Richtung, in die ein anderer Mensch zeigt. (Das hat evolutionäre Gründe, weil den Menschen, die lieber den Zeiger anguckten als in die gezeigte Richtung, die entscheidenden Sekunden zur Flucht vor dem Säbelzahntiger fehlten, und deswegen nicht mehr dazu kamen, sich fortzupflanzen.) Steinmeier aber hat den Stahlkocher am Ärmel gepackt und fixiert ihn, was wir nicht nur aus dem Hundesport als aggressive Geste kennen. Es soll heissen: „Du gehst mir auf den Zeiger, Blaumann. Hier zeigt nur einer, wo’s lang geht und das ist der Mann, dessen Bild in meinen Ausweis klebt, klaro?“

Schnittmusterschüler Westerwelle inmitten von Pappkameraden

Schnittmusterschüler Westerwelle inmitten von Pappkameraden

Die FDP wirbt mit dem Slogan „Deutschland kann es besser!“ und das kann nur autoreferentiell gemeint sein. Jeder fette Zwölfjährige mit einem Windows 95 – PC kann es besser. Erstens gibt es schon seit langem Bildbearbeitungsprogramme und man muss den Spitzenkandidaten Westerwelle nicht mehr mit Schere und Kleber in ein Bild mit lauter durcheinanderguckenden Menschen einfügen, um Volksnähe zu suggerieren. Und zweitens ist nicht nur Westerwelle, der hier ganz offenkundig aus einer anderen Lichtstimmung stammt (vermutlich vor einem Weihnachtsbaum), sondern auch das „Volk“ wenigstens teilweise im Nachhinein eingesetzt. So findet die Frau mit der Brille gleich zweimal Verwendung, nämlich links hinterm Ohr des Freidemokraten und rechts im Profil. Ein Hinweis, dass sich die FDP in bezug auf Gentechnik „liberal“ positionieren wird, um sich die nächsten Stammwähler selbst aus Stammzellen zu klonen?

Einer von euch zweien guckt nicht von der Leyen

Einer von euch zweien guckt nicht von der Leyen

Mit Unschärferelationen arbeitet die CDU auf den Wahlplakaten ihre Politiker heraus. Aber Unschärfe ist eine doppeldeutige Botschaft. Während man bei der Ursel von der Leyen ja noch die Message „Mann, bin ich heute wieder scharf!“ herauslesen könnte, was allerdings durch die desinteressiert weg guckende Kopfhaltung des Mannes links in Frage gestellt wird, steht Verteidigungsminister Franz Josef Jung optisch inmitten unklarer Verhältnisse und guckt etwas benommen ins Verschwommene. O, ein Reim kündigt sich an. Er will hinaus. Ich kann nichts dagegen tun.

Minister Jung guckt sehr benommen

Die ganze Gegend ist verschwommen

Zum Glück ist da ein Kahn gekommen

Da denkt sich Jung, das soll mir frommen

Ich guck am liebsten „mitgenommen“.

Oder, besser

Seltsam im Nebel zu führen

Verhüllt sind Mann und Maus

Man spürt fast, wie sie spüren

Der findet niemals raus

Franz Josef Jung: Unklare Verhältnisse

Franz Josef Jung: Unklare Verhältnisse

Tatsächlich: Ein unscharfer Marineoffizier steht hinter ihm. Was soll das bedeuten? Ist Jung dabei, sich einzuschiffen? Deutschland schnellstens auf einem Schnellboot zu verlassen, bevor es endgültig im Chaos versinkt? Passend dazu steht ein Reporter im Off und hält ihm sein Mikro ins Bild. Gerade hat er die Frage gestellt: „Und was soll aus uns werden? Aus den Frauen und Kindern?“ Jung schaut finster in die Zukunft, aber schweigt. Was er sieht, ist so furchtbar, dass er es dem Reporter nicht mitteilen möchte. Aber gleich legt die Fregatte ab und dann kann es ihm auch ein bißchen wurst sein.

Nach dieser etwas bedrückenden Bildbesprechung möchte ich mit einem Spruch des unlängst verstorbenen SPD-Werbefürsten Butter verabschieden, den die Sozialdemokraten mit unerwarteter Frivolität in ihre Todesanzeige für den guten Mann setzte.

„Die Hoffnung stirbt zuletzt. Stürbe sie früher, gäbe es weniger Enttäuschungen.“

Naja, denn macht mal weiter so.

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