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Ein Blog von Stefan Schwarz

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Rentenpolice-Academy: Kürzer als erwartet

Wort der Woche

Als religiöse Übung ist nichts dem öffentlichen Dienst überlegen

Suzuki Shozan, Zen-Buddhist

Der liechtensteinische (oder sagt man liechtensteinige?) Versicherer Quantum bietet allen Menschen mit kürzerer Lebenserwartung höhere Monatsauszahlungen auf ihre Rentenversicherung an. Mehr Geld für weniger Leben. Ist das die lang erhoffte Trendumkehr? Wir alle wissen, dass die Versorgungssysteme der modernen Gesellschaften durch die ständig steigende Lebenserwartung krachen gehen. Obschon Lebenserwartung eigentlich ein unzulässig verkürzter Begriff ist, denn was hier ständig steigt, ist die fiebrig-fingertrommelnde Erwartung eines langen Lebens. Lebenserwartung im genauen Wortsinne ist ja ein eher depressiv stimmender Topos, eine güldene Monstranz von echt kapitalistischen Durchbruchsfantasien und endgültiger Anerkennung durch die ganze Welt und Mutti, dem ein Trauerzug von ausgebüxten Klavierstunden, uangesprochenen Disco-Granaten, ungeorderten Aktienkäufen und nicht betretenden Motorradshops folgt. Wie auch immer, diese ständig steigende Lebenserwartung muss ein Ende haben. Die Faszination des langen Lebens muss – wie oben gesehen – durch starke Anreize eingedämmt werden.

Es gibt zwar einige ernstzunehmende Hinweise darauf, dass das Interesse an einem langen Leben überdurchschnittlich lebensverkürzend wirken könnte, (so starben laut Alex Avery von J. Rodale, dem amerikanischen  Bio-Pionier bis zu G. Ohsawa, dem Erfinder Makrobiotischen Diät, so gut wie alle Besserwisser=Längerleber vorzeitig an Krebs und Verkalkung) aber wir wollen uns mal nicht darauf verlassen.

Es ist stattdessen an der Zeit, zu fragen: Was soll an einem langen Leben so toll sein? Da ist eine Frage, die einem bedrohlich nahekommt, wenn man wie ich gerade durch die knallbanale, vollständig auskunftsfreie, ultra-tote Kulisse eines UNESCO-Welterbes (eines der windigsten Tourismus-Vehikel, dass jemals ersonnen wurde) gelatscht ist, um sich zu „bilden“. Die Hoffnung des ollen Materialisten Karl Marx, dieses einzige Leben (du hast nur einen Versuch und die Betonung liegt auf Versuch) durch Aneignung, Bildung und Erfahrungshunger irgendwie aufzupeppen und einzigartig (warum darf man eigentlich nicht ein Leben von der Stange führen?) zu machen, dürfen wir als sowas von gescheitert ansehen und hat am Ende nur Easyjet, Ryanair und eine Unzahl von sauschlechten „Originale“ und „Tipico“ – Restaurants auf der ganzen Welt reich gemacht. Kurz: Man sollte sein Leben nicht damit verschwenden, Erfahrungen zu machen, um dann in 95 % aller Fälle festzustellen, dass man diese Erfahrungen lieber nicht machen wollte. Zudem wird oft vergessen, dass ein längeres Leben vor allem durch ein längeres Alter bewirkt wird, was etwas masochistisch anmutet, als wäre es lustig, noch ein paar Jahre an nächtlichem Harndrang, Rheuma und Demenz anzustückeln…

(in den nächsten Tagen mehr in Teil Zwei)

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