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Ein Blog von Stefan Schwarz

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Alter Mann ist kein D-Zug

Wort der Woche

Ich habe in meinem Leben nichts geleistet.

Paavo Nurmi, 9-facher Olympiasieger, 24-facher Weltrekordler

Mein Zug fährt gleich, aber der Opa vor mir hat immer noch nicht verstanden. Deshalb erklärt es die liebe Schaltertante von der Deutschen Bahn noch einmal. Es ist übrigens das fünfte Mal. Es ist übrigens umsonst. Was die liebe Schaltertante nicht weiss: Um die Verbindungstarifzonenwechselmagie zwischen Westsachsen und Nordthüringen zu verstehen, darf man nicht älter als 55 Jahre sein. Danach sind die Netzplan-Synapsen erodiert und man hört nur noch weisses Rauschen. Ähnlich wie das Hören hoher oder auch nur leiser Töne mit dem Alter abnimmt, sinkt auch die wichtige Fähigkeit, den gottverdammten Betrieb nicht weiteraufzuhalten, damit auch andere Menschen noch ihr Leben in der zur Verfügung stehenden Zeit absolvieren können.

Ich glaube, eines der ernsthaftesten Probleme der alternden Gesellschaft ist die Verlangsamung des Alltagslebens durch körperlich und geistig schon sehr stark abgeregelte Senioren. Moderne Gesellschaften haben einen Normtakt, auf den sich die Wirtschaft verlassen muss, um just in Time und also effektiv produzieren zu können. Die Grünphasenlänge der Ampel am Fußgängerübergang – um nur ein einfaches, aber allgegenwärtiges Beispiel zu wählen –  entspricht der verkehrsplanerischen Erwartung, dass es alle Passanten in dieser Zeit über die Straße schaffen. Diese schlichte Mobilitätserwartung sieht sich aber zunehmend enttäuscht durch rollatorgestützte Omis, die in dieser Zeit gerade zu zwei Dritteln über die Straße getrippelt sind. Dann wechselt die Fußgängerampel auf Rot und Ömchen verzittert noch eine weitere Minute Bedenkzeit im wütenden Autogehupe, um sich dann auch noch fälschlicherweis auf den Rückweg machen. Zwei solche wankend-wankelmütige Omas an zwei hintereinanderliegenden Fußgängerampeln und die Stadt steht still. Nun kann man argumentieren, dass durch die derart stauverzögerte Medikamentenauslieferung das Tablettenkarussell in vielen Altersheimen zum Stillstand kommt und dadurch auch wieder Abgänge zu verzeichnen sind. Aber, dass die altenbedingte Lähmung des Alltags auf eine Art Homöostase zusteuert wie wir sie von Hasen-und-Fuchs-Populationen kenne, das glaube ich nicht. Die Geschwindigkeit der modernen Gesellschaft und der Tüteltrott der Alten – sie passen einfach nicht zueinander.

Es gibt ja auch keine altengerechte Trapezartistik, keine altengerechte Landung in der Normandie, keinen altengerechten Notfallplan im AKW. Wir müssen diese unterschiedlichen Lebenstakte auseinanderlegen, wir brauchen Altenschalter auf dem Bahnhof, Altenkassen im Supermarkt, wo medikamentös abgedämpfte Kassiererinnen eine Viertelstunde Geduld haben, um bei der schon leicht unterzuckerten Waltraud Knickebein die 134 einzelnen Cent-Stücke aus dem hingehaltenen Portemonnaie zu fummeln. Und wir brauchen Altenabteile in den Zügen, damit das Mikrobengebrüll aus den Softkopfhörern schwerhöriger Nessun Dorma – Wiederholungsschleifen-Fanatiker nicht anständige Menschen wie mich vom Bloggen abhält.

Mikrobengebrüll aus dem Softkopfhörer als Ruhestörer

Mikrobengebrüll aus dem Softkopfhörer ist ein Ruhestörer!!!!

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